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GOLDKIND-Fortbildung: Borderline bei Eltern
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GOLDKIND-Fortbildung: Borderline bei Eltern

Das neue Jahr bei GOLDKIND beginnt mit einer weiteren Fachfortbildung im Häuschen: Vor 12 Teilnehmer:innen aus der Pädagogik sprach Livia Koller am 13. Januar 2023 über die emotional-instabile Persönlichkeitsstörung Borderline. Die Diplompsychologin kennt sich darüber hinaus sehr gut damit aus, wie man mit Kindern und Familien sprechen kann, wenn Eltern von psychischen Krankheiten betroffen sind: Sie führt die Kindersprechstunde am BKH Augsburg.

 

Dipl.-Psych. Livia Koller spricht bei GOLDKIND über Borderlne.
Dipl.-Psych. Livia Koller spricht bei GOLDKIND über Borderline. Foto: Goldkind.
 

 

Die Erkrankung Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) trägt ihren Namen (Grenzlinie) zu Recht: Sie zu erkennen und zu diagnostizieren ist schwierig, weil die Symptome sehr unterschiedlich ausgeprägt sind und sich Betroffene auch je nach Situation und Gegenüber völlig unterschiedlich verhalten – und in bestimmten Umgebungen sehr gut und unauffällig zurechtkommen.

 

Boderline
Menschen mit Borderline. Foto: Goldkind

Borderline ist eine Persönlichkeitsstörung, die durch Impulsivität und Instabilität in den Bereichen Stimmung, Selbstbild und Beziehungen gekennzeichnet ist. Wie bei vielen psychischen Erkrankungen lässt sich auch hier beobachten, dass häufig weitere Persönlichkeitsstörungen hinzukommen, etwa Depression oder Angststörungen.

 

Gemeinsam ist den Patient:innen eine starke innere Anspannung und eine Störung der Emotionsregulierung. Das kann zu den Verhaltensweisen führen, die Laien mit Borderline in Verbindung bringen: Selbstverletzung beispielsweise oder widersprüchliche Signale, was die gewünschte Nähe und Distanz zu Bezugspersonen angeht. Unsichere Bindungsmuster machen es den Bezugspersonen schwer, einzuschätzen, woran sie sind – gerade Kinder müssen hier mit sogenannte Double-Bind-Botschaften umgehen: Sie empfangen gleichzeitig einander widersprechende Signale, etwa den Ruf nach Nähe und zugleich Abstoßung oder die Aufforderung: Sei so verzweifelt wie ich – und sei stark für mich. In dieser Situation, führt Livia Koller aus, kann die Bezugsperson den oder die an Borderline Erkrankte:n nur enttäuschen. Die Beziehung mäandert zwischen Idealisierung und Entwertung des Gegenübers.

 

Eltern mit BPS

Borderline-Eltern reagieren auf wiederkehrende, gleiche Verhaltensweisen ihres Kindes völlig unterschiedlich, mal folgt Strafe, mal Belohnung, mal Gleichgültigkeit. Damit und durch ihre extremen Stimmungsschwankungen verunsichern sie ihre Kinder. Wechselhaft ist auch das Verhalten und die Kommunikation von Boderline-Eltern: Es reicht von liebevollem Kontakt über Hassgefühle bi zu Desinteresse. Sie können keine stabilen Gefühle für ihr Kind entwickeln und ihm kein Modell für angemessene Emotionsregulation sein.

 

Das macht sie nicht nur unberechenbar, sondern zugleich empfängt das Kind Botschaften wie “Du bist unwichtig”, “Du bist verantwortlich”, “Du bist weniger wert”.

 

Auswirkungen auf Kinder

Kinder von Borderline-Eltern können einem instabilen Umfeld ausgesetzt sein. Häufig schränkt das Klammern betroffener Eltern das Kind in seiner Autonomieentwicklung ein. Muss es für sein Elternteil sorgen, kommt es zu Überforderung.

 

Die Instabilität der Beziehung zu Mutter oder Vater kann dazu führen, dass das Kind Ängste entwickelt – oder sich als idealisiert wahrnimmt. Sie erleben kein verlässliches Elternteil, das ihnen Halt gibt, und entwickeln kein Modell für eine stabile Selbstwahrnehmung. Ohnmacht und ein Gefühl von Verlorensein stellen sich ein.

 

Bei selbstschädigendem Verhalten eines BPS-Elternteils ist auch das Kindeswohl gefährdet, etwa wegen der gefährlichen Verhaltensweisen (wie rücksichtsloses Autofahren oder Substanzmissbrauch). Kommt es zu Suizidversuchen, löst das beim Kind Panik aus, überfordert  und traumatisiert es. Es kommt zu Schuldgefühlen und kann bei Jugendlichen die notwendige Ablösung vom Elternteil behindern.

 

Faktoren für Borderline: Livia Koller bei GOLDKIND. Foto: Goldkind
Faktoren für Borderline: Livia Koller bei GOLDKIND. Foto: Goldkind

Kinder entwickeln in solchen Situationen eigene Überlebensmechanismen. Dazu gehören unter anderem eine symbiotische, scheinbar enge Bildung zum Elternteil, die Übernahme der Verantwortung, perfekte Anpassung durch Selbstaufgabe, das Unterdrücken eigener Gefühle, das Verhalten orientiert sich stärker an der Erwartung anderer.

 

Glaubt das Kind, falsch und schlecht zu sein, und verliert das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, kann es passieren, dass eine Verfügbarkeit zur (Selbst-)Ausbeutung entsteht, das Kind Bindungsstörungen oder selbst psychische und physische Störungen entwickelt.

 

Umgehen mit BPS

Als wirksam erweist sich das sogenannte “Skillstraining”: Boderline-Patient:innen lernen, mit Stress und Gefühlen umzugehen und erwerben zwischenmenschliche Fertigkeiten und Achtsamkeit. Livia Koller behält vor allem im Blick: Menschen mit einer BPS bringen ja nicht nur die obern genannten Verhaltensweisen mit, die ihnen und ihrem Umfeld nicht guttun.  Sondern sie verfügen über viele wertvolle Fähigkeiten und Ressourcen. So haben Menschen mit BPS oft ein großes Einfühlungsvermögen, wenn es anderen schlecht geht, und ein gutes Gespür für Zwischenmenschliches. Sie sind offen, spontan und hilfsbereit. Viele BPS-Patient:innen haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn. Sie erkennen, dass sie Unterstützung brauchen – und sie können lernen, impulsiv-destruktive Verhaltensweisen zu kontrollieren.

 

Für den Umgang mit Betroffenen – und mit den Kindern von Betroffenen – hat Livia Koller aus ihrer langjährigen Erfahrung Tipps für die Teilnehmer:innen: 

  • Gefühlsebene: Nimm die Gefühle der Betroffenen wahr und hilf ihnen dabei, diese anzunehmen, zu reflektieren und auszudrücken. Wertschätzung ist wichtig.
  • Beziehungsebene: Biete einem Menschen mit Borderline-Störung eine zuverlässige Beziehung an, damit sie neue Erfahrungen in Beziehungen machen – manipulatives Verhalten kannst du ansprechen und reflektieren. Klare Grenzen einhalten.
  • Strukturebene: Hilf Betroffenen dabei, Strukturen aufzubauen, soziale Strukturen, Regeln, oder Strukturen im Tagesablauf zum Beispiel. 

All das sind potenziell Bereiche, die Borderliner:innen in Angst versetzen. Dieses Dilemma gilt es auszuhalten. 

 

“Krankheitsaufklärung ist ein Schutzfaktor.”
Livia Koller

 

Ganz wichtig: Die Erkrankung in der Familie sollte angesprochen werden, auch den Kindern sollte man erklären, was hier gerade passiert (und dass sie keine Schuld an der Situation tragen). Dafür braucht es das Einverständnis der Eltern, doch berichtet Livia Koller aus der täglichen Arbeit, dass die kindgerechte Aufklärung entlastend auf alle wirkt und Schuldgefühle verringert.

 

Das übrigens gilt für alle psychischen Erkrankungen in der Familie. Livia Koller hat mit den Kindern ihrer Sprechstunde dazu ein Buch herausgebracht, das einen guten Einstieg in das Gespräch mit den Kindern zu verschiedenen psychischen Erkrankungen bietet: “Wir sagen immer Debreziner” (Wissner-Verlag). Livia Koller empfiehlt zur Erklärung von Borderline für Kinder ab 5 Jahren außerdem “Mama, Mia und das Schleuderprogramm” von Christiane Tilly und Anja Offermann.

 

Über weitere Fachbücher, etwa zum Thema Depression und Kinder, haben wir hier berichtet. Unser Lesetipp zum Thema Borderline (“Konfettiregen im Kopf” von Jennifer Wrona) steht hier.

 

 

 

 

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