Narzissmus

Narzissmus ist erst einmal nichts Schlechtes. Es ist durchaus gesund, selbstbewusst durchs Leben zu gehen. Strahlen zu wollen ist ein Bedürfnis, das fast jeder Mensch kennt. Eine Prise Narzissmus steckt in uns allen. Und das ist gut so.

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Zum Problem wird es dann, wenn ein Mensch zu viel von dem hat, was wir an narzisstischen Merkmalen fast alle mitbringen. Der Übergang ist fließend. Kommt zu einer starken Ausprägung noch ein Mangel an Empathie, haben wir es mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu tun. Schwierig und belastend ist das meistens für die anderen, nicht für die Person mit den narzisstischen Verhaltensweisen selbst. 

Hierin liegen vor allem 3 große Probleme:

Narzisstische Eltern

Narzisstischen Eltern geht es nicht um ihr Kind, sondern ausschließlich um sich selbst. Sie stellen die eigenen Bedürfnisse über die des Kindes. Kinder werden dazu benutzt, die eigenen Vorstellungen und Wünsche auszuleben, den eigenen Selbstwert zu regulieren und sich als grandios zu erleben. Das Kind wird nicht bedingungslos geliebt und so angenommen, wie es ist. Unerwünschtes Verhalten führt zu Kritik, Ablehnung oder Erniedrigung seitens des narzisstischen Elternteils.

Bei der Erziehung stehen nicht die Sicherheit, die Geborgenheit und die Entfaltung des Kindes im Vordergrund, sondern das narzisstische Bedürfnis der Eltern. Eltern mit einer narzisstischen Persönlichkeit sehen in ihren Kindern keine eigenständigen Individuen, sondern lediglich Objekte, die ihrem Idealbild entsprechen müssen. Ihre Kinder werden von ihnen als Erweiterung ihres Selbst angesehen und daher ausschließlich für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Sie projizieren all das auf ihre Kinder, was sie selbst gern sein möchten oder was sie einmal waren oder sein wollten. Oder sie erwarten von ihrem Kind das, was sie selbst nicht zu erreichen im Stande sind.

Häufig kommt es vor, dass narzisstische Eltern ihr Kind als Teil von sich selbst betrachten, ein Gefühl des Besitzes entwickeln und so die individuelle Entwicklung des Kindes hemmen. Von den Kindern wird alles verlangt, was sich die Eltern erträumen: Sie müssen beispielsweise die Besten in der Schule werden, die Besten im Sport sein, am attraktivsten aussehen und die allerbesten Manieren haben. Die Kinder müssen zum perfekten Vorzeigeobjekt werden, damit narzisstische Eltern ihr Image steigern können.

Wenn das im Denken des Vaters oder der Mutter dazu führt, dass ihr Kind zur Ursache der Probleme wird, die die Familie hat, dann ist eine narzisstische Struktur vorhanden.

Klinische Definition: „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ (NPS)

Wir ziehen die Diagnosekriterien nach ICD-10 heran.
ICD ist die „Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme“ und das weltweit anerkannte Klassifikationssystem für medizinische Diagnosen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Sie bildet damit auch Trends und neue Erkenntnisse ab. Ärzt:innen in Deutschland sind derzeit verpflichtet, Diagnosen nach ICD-10 zu verschlüsseln. 2022 lösen neue Definitionen und Kriterien (ICD-11) die bisherigen ab. In der ICD-11 wurde die Narzisstische Persönlichkeitsstörung als Krankheitsbegriff gestrichen und geht auf in der „Dissozialität“.

Bis dahin gehört die NPS zu den „Sonstigen spezifischen Persönlichkeitsstörungen“ (F60.8). Die Diagnose „narzisstische Persönlichkeitsstörung“ (NPS) kann demnach gestellt werden, sofern mindestens fünf der folgenden Symptome erfüllt sind:

Woher kommt der Begriff „Narzissmus“?

Der Jüngling Narziss war der griechischen Mythologie zufolge ein schöner junger Mann, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. Die Psychologie bediente sich des Mythos: Der Ausdruck Narzissmus wird im weitesten Sinne für die Selbstverliebtheit eines Menschen benutzt. In der Psychologie machte Sigmund Freud 1914 den Begriff bekannt; er wurde aber vorher bereits von Freuds Kollegen Havelock Ellis (1898) und Paul Näcke (1899) benutzt, um das Verhalten der Selbstliebe und Selbstbewunderung zu benennen.

 

Die bekannteste Narziss-Erzählung stammt von Ovid. Der antike römische Dichter schrieb vor mehr als 2000 Jahren die „Metamorphosen“, 15 Bücher mit Versen, die vor allem Motive der griechischen Mythologie erzählen. Die Geschichte handelt vom schönen Narziss, dem Frauen und Männer ihre Liebe schenkten, er aber wies alle Liebenden ab. Dafür wird er verflucht, selbst einmal die unerreichte Liebe erleben zu müssen: Narziss verliebt sich an einer Quelle in sein eigenes Spiegelbild, ohne zunächst zu erkennen, dass es eine Spiegelung ist. Am Ende stirbt er an seiner unerfüllten Liebe.

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