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Konstantin Tengelmann und Dr. Sophie-Kathrin Greiner auf der GOLDKIND-Konferenz: „Die perfekte dysfunktionale Familie“
Konstantin Tengelmann und Dr. Sophie-Kathrin Greiner auf der GOLDKIND-Konferenz: „Die perfekte dysfunktionale Familie“

Konstantin Tengelmann und Dr. Sophie-Kathrin Greiner auf der GOLDKIND-Konferenz: „Die perfekte dysfunktionale Familie“

Das war die erste GOLDKIND-Konferenz: Konstantin Tengelmann hat als Kind selbst erlebt, wie kompliziert die Beziehung zu den eigenen Eltern sein kann. Im Gespräch mit GOLDKIND-Beirätin Dr. Sophie-Kathrin Greiner, Oberärztin an der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der Universität Augsburg, schildert er auf der ersten GOLDKIND-Konferenz im Münchner ARRI-Kino, welche gravierenden Auswirkungen sich daraus selbst im Erwachsenenalter ergeben können.

Dr. Greiner und Konstantin Tengelmann auf der 1. GOLDKIND-Konferenz (Foto: sh/Goldkind)
Dr. Greiner und Konstantin Tengelmann auf der 1. GOLDKIND-Konferenz. (Foto: sh/Goldkind)

 

Er komme aus einer „perfekten dysfunktionalen Familie“, erzählte Konstantin Tengelmann im Gespräch mit der Psychiaterin und GOLDKIND-Beirätin Dr. Sophie-Kathrin Greiner. Die Situation mit fünf Geschwistern, zeitweilig noch mit zwei weiteren Stiefgeschwistern, habe für ihn innerhalb der Familie nie einen Rückzug zugelassen. Weil er unter einer Entwicklungsverzögerung litt, sei er zarter und ängstlicher als der jüngere Bruder gewesen, der ihn drangsaliert habe. Seine Reaktion: Verhaltensauffälligkeiten.

„Das hat sich darin geäußert, dass ich Dinge zerstört habe. Das war ein Ventil, um meine Wut rauszulassen und um nach Aufmerksamkeit zu schreien.“ In der fünften Klasse hat die Zerstörungswut dann enorme Ausmaße angenommen: Mit einem Kumpel habe er einen Fahrradkeller in der Schule auseinandergenommen. Darauf hätten ihn seine Eltern in einer Überreaktion in ein Internat gegeben – als einziges Kind der Familie. Heute gesteht Tengelmann: „Scheiße bauen und Aufmerksamkeit suchen war definitiv nicht der richtige Weg.“ Die Auswirkungen dieser Elternentscheidung waren für den Elfjährigen damals gravierend: Die Zeit auf dem Internat, dortige Missbrauchserfahrungen und das Abgeschobensein haben ihn maßgeblich traumatisiert, sagte Konstantin Tengelmann. Er berichtete von Auswirkungen bis weit in das Erwachsenenalter hinein, die spätere Ehe, die „Bilderbuchfamilie“, scheiterte.  

Das Kind fühlt sich schuldig

Dr. Sophie-Kathrin Greiner bestätigte das Muster: „Hurt people hurt people. Man muss intervenieren, bevor es zu einer transgenerationalen Verkettung kommt.“  

Konstantin Tengelmann erzählte, dass auch seine Eltern in dysfunktionalen Strukturen aufgewachsen seien. Er betonte, dass es trotzdem wichtig sei, zunächst bei sich und der eigenen Aufarbeitung  zu bleiben. Mittlerweile hat er sich komplett von seiner Familie distanziert, in der er habe nicht heilen dürfen.

Dr. Sophie-Kathrin Greiner fragte Konstantin Tengelmann, wie er damals die Trennung von seiner Familie erlebt habe. „Ich habe mich schuldig gefühlt. Ich kann mich nicht daran erinnern, Heimweh gehabt zu haben. Das war eine harte, harte Nummer. Auf dem Internat hat sehr viel Missbrauch stattgefunden. Wir wurden geschlagen, wir wurden kalt abgeduscht, erlebten militärische Erziehungsmaßnahmen. Das Verrückte ist, für mich war es nicht so schlimm, es war nicht so dramatisch damals.“ Erst als Erwachsener habe er erkennen müssen, wie ihn das geprägt habe. Die Trennung, die da stattgefunden habe, sei die „größte Verlassenheitswunde“. Konstantin Tengelmann: „Ich wurde aussortiert als einziges Kind von sechs Kindern.“

Konstantin Tengelmann erzählt von seines Erfahrung im Internat. (Foto: GOLDKIND/48forward)

Gefragt nach den Auswirkungen auf das spätere Leben erzählte Konstantin Tengelmann, dass er sich immer unwohl gefühlt habe, wenn er nach Hause gekommen sei. Es habe sich immer so angefühlt, als ob er nicht in die Familie gehöre. Das eigene Zimmer sei immer vollgestellt gewesen. Er war nicht willkommen. „Als Jugendlicher habe ich das mit Alkohol kompensiert.“

Später zeigten sich andere Auswirkungen dieser für ihn traumatischen Jugenderfahrungen: „Es war eine Vollkatastrophe, ich habe meine Partnerin angeschrien, bis ich fast kotzen musste. Ich war unglaublich aggressiv.“ Auch im Berufsleben habe er sich nicht beherrschen können. Nachdem die Ehe scheiterte und sich suizidale Gedanken einstellten, erkannte er: „Da hatte ich keine andere Wahl mehr, um mich mit den Dingen auseinanderzusetzen.“ Im vergangenen Jahr hat Konstantin Tengelmann auf Instagram begonnen, offen über seine Geschichte zu reden, um anderen Betroffenen mit ausgrenzenden Internats- und Familienerfahrungen Mut zu machen.

In der späteren Fragerunde richtete das Publikum direkte Fragen an Konstantin Tengelmann, so beispielsweise: „Was kann ich als Ausbilderin machen, wenn ein Kind Auffälligkeiten zeigt?“

Die Antwort: „Ein vertrauensvolles Gegenüber für den traumatisierten Menschen sein, dem anderen das Gefühl geben, gesehen zu werden, für das Kind dazu sein, wenn es das Zuhause nicht kann. Es ist die Bindung, die entscheidend ist.“ Dem stimmte Psychiaterin und GOLDKIND-Beirätin Dr. Sophie-Kathrin Greiner zu: „Ein vertrauensvolles Gegenüber zu sein, das Angebot, in Kommunikation zu gehen, ist extrem wichtig.“

Heute gibt Konstantin Tengelmann seine Erfahrungen weiter auf Instagram und lässt sich zum Traumacoach ausbilden.

Das gesamte Konferenzprogramm in voller Länge ist hier zu finden.

 

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