Persönlichkeitsstörungen: Einordnung, Formen und Hilfe
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- aktualisiert am 26.06.2026
Eine Persönlichkeitsstörung (PST) führt dazu, dass Betroffene anhaltend Leid und Konflikte erleben oder durch ihr Verhalten auslösen. Das führt oft zu Schwierigkeiten in Beziehungen, im Beruf oder im Umgang mit den eigenen Emotionen. Menschen mit einer PST erleben beispielsweise, dass sie sich ständig unsicher fühlen, extreme Stimmungsschwankungen haben oder damit kämpfen, Beziehungen zu anderen aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
Jeder Mensch hat eine einzigartige Persönlichkeit – ein Muster aus Denken, Fühlen und Handeln, das ihn ausmacht und prägt, wie er mit sich selbst und anderen umgeht. Probleme erlebt dabei jede und jeder einmal. Doch wenn diese Muster sich auf eine Weise festigen, dass sie zu anhaltendem Leid, Konflikten oder Funktionsstörungen führen, spricht man von einer Persönlichkeitsstörung.
Zu einzelnen Formen wie Borderline oder Narzissmus finden sich im Text Beispiele – und vertiefende Informationen in separaten Beiträgen.
Was ist eine Persönlichkeitsstörung?
In Deutschland sind rund 10 Prozent der Erwachsenen von einer Persönlichkeitsstörung betroffen. Darunter sind auch viele Eltern: 3 bis 4 Millionen Kinder in Deutschland leben mit einem psychisch erkrankten Elternteil. Das Risiko für diese Kinder, selbst psychische Probleme wie Ängste, Depressionen oder Verhaltensstörungen zu entwickeln, ist Hochrechnungen zufolge drei- bis siebenmal höher als bei Gleichaltrigen. Diese Zahlen wurden durch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) und den Bundestag bestätigt. Eine der bekanntesten Formen ist die Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung vom Typ Borderline.
Dass Kinder erkrankter Eltern großen Belastungen ausgesetzt sind, ist nicht die Schuld der Eltern. Sie lieben ihre Kinder und geben sich große Mühe, trotz ihrer Einschränkungen für ihre Kinder da zu sein. Doch die Erkrankung kann sie so stark beeinträchtigen, dass sie ihren Kindern nicht immer die Stabilität und emotionale Sicherheit bieten können, die diese für eine gesunde Entwicklung brauchen.
Schwere Beeinträchtigung der Persönlichkeitsfunktionen (SBPF): Wenn grundlegende Fähigkeiten fehlen
Besonders belastend wird es, wenn grundlegende Persönlichkeitsfunktionen stark beeinträchtigt sind. Diese Fähigkeiten sind wichtig, um im Leben zurechtzukommen – sowohl mit sich selbst als auch im Umgang mit anderen. Dazu gehören:
- Identität: Ein klares und stabiles Gefühl dafür, wer man ist – mit gesunden Grenzen zwischen sich und anderen.
- Emotions- und Selbstregulation: Gefühle wie Wut, Trauer oder Angst so regulieren zu können, dass sie nicht übermächtig werden und das Handeln bestimmen.
- Empathie: Sich in andere einfühlen zu können und die Auswirkungen des eigenen Verhaltens auf andere zu verstehen.
- Nähe: Vertrauensvolle Beziehungen aufbauen und pflegen zu können, ohne dabei in extreme Abhängigkeit oder Ablehnung zu verfallen.
Für ihre Umwelt ergeben sich v.a. Schwierigkeiten, da Betroffene als instabil, verwirrend, unvorhersehbar und in ihren Handlungen und Gefühlen als inkonsistent erlebt werden. Das kann bis zu missbräuchlichen Verhaltensweisen führen, in denen der andere als Mittel zum Zweck zur Befriedigung eigener emotionaler Bedürfnisse benutzt wird. Nicht immer ist Betroffenen dabei klar, was ihre eigenen Anteile an zwischenmenschlichen Problemen oder ihrem instabilen Selbstbild sind, was die Situation zusätzlich erschweren kann.
Bei einer schweren Beeinträchtigung der Persönlichkeitsfunktionen (SBPF) sind diese Fähigkeiten in allen Lebensbereichen so stark eingeschränkt, dass Betroffene große Schwierigkeiten haben, ihr Leben selbstbestimmt und stabil zu gestalten. Die S3-Leitlinie zur Diagnostik, Therapie und Rehabilitation von Patientinnen und Patienten mit schwerer Beeinträchtigung der Persönlichkeitsfunktionen (DGPT, 2024) misst das Ausmaß dieser Beeinträchtigungen auf einer Skala von leicht bis extrem.
Welche Persönlichkeitsstörungen gibt es?
Persönlichkeitsstörungen werden nach drei Hauptgruppen eingeteilt (nach ICD-11 und DSM-5-TR). Jede Gruppe beschreibt typische Muster im Denken, Fühlen und Handeln, die Betroffene und ihr Umfeld vor besondere Herausforderungen stellen:
Cluster A: „Seltsame/exzentrische“ Persönlichkeitsstörungen
Diese Formen sind oft durch Misstrauen, soziale Distanz oder ungewöhnliche Gedankenmuster geprägt.
- Paranoide PST: Misstrauen und Argwohn gegenüber anderen
- Schizoide PST: emotionale Kälte und Desinteresse an sozialen Beziehungen
- Schizotype PST: ungewöhnliche Gedanken, magisches Denken oder sozialer Rückzug
Cluster B: „Dramatische/emotional instabile“ Persönlichkeitsstörungen
Intensive Gefühle, Impulsivität und zwischenmenschliche Konflikte stehen im Vordergrund. Diese Gruppe umfasst die häufigsten und bekanntesten PST – darunter Borderline.
- Borderline-PST: extreme Stimmungsschwankungen, Angst vor Verlassenwerden, impulsive Handlungen (z. B. Selbstverletzung), ein chronisches Gefühl der Leere
- Histrionische PST: übertrieben emotionales, aufmerksamkeitsheischendes Verhalten
- Narzisstische PST: Grandiosität, mangelnde Empathie und ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung, Macht oder Erfolg. Hinter der Fassade steckt oft ein fragiles Selbstwertgefühl.
- Dissoziale PST: Missachtung sozialer Normen, Aggressivität und mangelnde Reue für Taten sowie Empathie für die Opfer
Cluster C: „Ängstliche/vermeidende“ Persönlichkeitsstörungen
Hier dominieren Angst, Unsicherheit und sozialer Rückzug. Betroffene fürchten sich vor Kritik oder Ablehnung und vermeiden Konflikte um jeden Preis.
- Ängstlich-vermeidende PST: extreme Schüchternheit, Angst vor Bloßstellung und Vermeidung sozialer Situationen
- Dependente (abhängige) PST: übermäßiges Bedürfnis, versorgt zu werden. Die eigene Meinung wird strikt an der Meinung der anderen ausgerichtet.
- Zwanghafte (anankastische) PST: Perfektionismus, übermäßige Kontrolle und starre Regeln
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung
Etwa 1 bis 2 Prozent der Bevölkerung in Deutschland sind von der Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) betroffen. BPS ist die häufigste Persönlichkeitsstörung in Kliniken. Betroffene erleben oft extreme Stimmungsschwankungen, Angst vor Verlassenwerden und hoher Impulsivität. Das führt zu großen Herausforderungen im Alltag, besonders in Beziehungen. Das ist nicht „mutwillig“: Betroffene erleben häufig einen starken inneren Druck und reagieren in akuten Momenten oft impulsiv.
Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung sind ebenfalls Persönlichkeitsfunktionen beeinträchtigt. Vor allem in der Regulation und Steuerung eigener Impulse und Emotionen sowie Nähe. Dann kann es zu impulsiven Handlungen wie selbstverletzendem Verhalten kommen. Die extreme Angst vor Verlassenwerden und die plötzliche Abwertung von Bezugspersonen ist ebenfalls ein Symptom. Die emotionale Instabilität führt oft zu chaotischen Beziehungen. Für Kinder von Eltern mit BPS bedeutet das: Sie erleben ihre Eltern mal als überfürsorglich, mal als abweisend. Diese Unberechenbarkeit kann bei Kindern zu Bindungsstörungen, Ängsten oder Depressionen führen.
Auswirkungen auf Kinder psychisch erkrankter Eltern
Eltern mit SBPF kämpfen häufig mit emotionaler Instabilität, unklaren Regeln für ihre Kinder oder Bindungsproblemen, weil sie Beziehungen immer wieder als bedrohlich oder überfordernd erleben.
Für Kinder bedeutet das: Sie wachsen in einem Umfeld auf, das oft unberechenbar ist. Mal erleben sie übertriebene Zuwendung, mal emotionale Kälte oder Rückzug; in schweren Krisen kann es auch zu Suizidankündigungen oder -versuchen kommen. Das verwirrt und verunsichert sie, da eine wichtige Bezugsperson zwischen Nähe und Ablehnung oder Abwesenheit schwankt und Kinder sich gerade für solche instabilen Beziehungen verantwortlich fühlen. Die Folgen sind gravierend: Kinder von Eltern mit SBPF entwickeln häufiger Angststörungen, Depressionen oder Verhaltensauffälligkeiten.
Häufige Folgen bei Kindern:
- Angst oder Depression: 20 bis 60 Prozent häufiger (BPtK-Studie)
- Verhaltensstörungen: 2- bis 4-fach höher (Schweizer Daten)
- Bindungsprobleme: bei Eltern mit SBPF häufig (LL-SBPF)
Risiko- und Schutzfaktoren bei Persönlichkeitsstörungen: Was macht den Unterschied?
Nicht jedes Kind, das mit einem Elternteil mit SBPF aufwächst, entwickelt später selbst psychische Probleme. Schutzfaktoren können das Risiko deutlich mildern und die Widerstandskraft (Resilienz) stärken. Dazu gehören:
- Beim Kind selbst: ein robustes Temperament, soziale Kompetenzen, Intelligenz und die Fähigkeit, Probleme aktiv anzugehen und sich zuzutrauen, diese lösen zu können
- In der Familie: offene Kommunikation über die Erkrankung, emotionale Wärme trotz Krisen, Akzeptanz der Krankheit als Teil des Familienlebens
- Von außen: Frühe Hilfen, stabile Bezugspersonen, professionelle Unterstützung (Therapie, Sozialdienste).
Bestimmte Risikofaktoren können die Belastung verstärken:
- Genetische Veranlagung
- Gewalt, Vernachlässigung oder Misshandlung
- Soziale Isolation der Familie
- Armut
Hilfe bei Persönlichkeitsstörungen: Therapie, Unterstützung und Anlaufstellen
Für Eltern mit SBPF: Was in Behandlung und Alltag hilft
- Psychotherapie: Spezielle Therapieverfahren wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) oder die Mentalisierungsbasierte Therapie (MBT) helfen Betroffenen, ihre Emotionen besser zu regulieren und stabile Beziehungen aufzubauen. Beide Ansätze sind auch im Beispiel der Borderline-Persönlichkeitsstörung effektiv, wissenschaftlich gut belegt und können das Leben von Eltern und Kindern nachhaltig verbessern.
- Koordinierte Versorgung: Wenn Ärzt:innen, Therapeut:innen und Sozialdienste eng zusammenarbeiten, entstehen weniger Brüche in der Betreuung. Das entlastet Eltern und gibt Kindern mehr Sicherheit.
- Peer-Support: Der Austausch mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen reduziert Schamgefühle und zeigt, dass man nicht allein ist. Gleichzeitig können Eltern voneinander lernen, wie sie den Alltag besser bewältigen.
Für Kinder: Schutz, Entlastung und frühzeitige Unterstützung
- Frühe Hilfen: Familientherapie oder Resilienzförderung
- Niedrigschwellige Angebote: Sorgentelefone wie die Nummer gegen Kummer oder der GOLDKIND-Chat bieten Kindern und Jugendlichen einen anonymen, kostenfreien und vertraulichen Raum, um über Ängste, Konflikte oder Sorgen zu sprechen.
- Psychoedukation: Das Verhalten der Eltern ist nicht gegen Kinder gerichtet, sondern eine Folge der Erkrankung. Wissen entlastet die Familie.
Für Fachkräfte: Koordination, Fortbildung und Netzwerke
- Trialogische Zusammenarbeit: Betroffene, Angehörige und Fachkräfte entscheiden gemeinsam
- Fortbildungen: zu SBPF, Besonderheiten der Erkrankung, traumasensible Kommunikation, Ressourcenaktivierung
- Netze knüpfen: Jugendhilfe, Schulen, Therapeut:innen und Sozialdienste gemeinsam können Familien ganzheitlich unterstützen.
Fazit zur Persönlichkeitsstörung: Wissen, Unterstützung und frühe Hilfe
Persönlichkeitsstörungen und schwere Beeinträchtigungen der Persönlichkeitsfunktionen sind komplex. Aber mit früher Hilfe, empathischer Begleitung und evidenzbasierten Therapien können Betroffene und ihre Familien stabiler werden.
FAQ zum Thema Persönlichkeitsstörungen
Persönlichkeitsstörungen werden nach drei Hauptgruppen eingeteilt (nach ICD-11 und DSM-5-TR). Jede Gruppe beschreibt typische Muster im Denken, Fühlen und Handeln, die Betroffene und ihr Umfeld vor besondere Herausforderungen stellen:
Ist eine Persönlichkeitsstörung heilbar?
Nein, aber behandelbar! Mit der richtigen Therapie können Betroffene lernen, ihre Muster zu erkennen, flexibler zu reagieren. Viele erreichen eine stabile Lebensqualität. Außerdem lässt die Ausprägung, je nach Persönlichkeitsstörung (z.B. bei Borderline) mit steigendem Alter oft nach.
Warum entwickeln Kinder von Eltern mit PST häufiger psychische Probleme?
Weil sie oft in einem unberechenbaren Umfeld aufwachsen. Mal erleben sie übertriebene Zuwendung, mal plötzlichen Rückzug oder Wutausbrüche, bis hin zu Suizidversuchen von Bezugspersonen. Das verwirrt und verunsichert, Bezugspersonen werden nicht als verlässlich erlebt. Oft fällt es Betroffenen schwer, Kinder in ihrer Persönlichkeitsentwicklung zu begleiten, da ihre eigene Persönlichkeit noch nicht ausreifen konnte.
Was kann ich als Angehörige:r tun?
Nicht urteilen, sondern unterstützen: Eine Persönlichkeitsstörung ist keine Charakterschwäche, sondern eine ernsthafte Erkrankung.
Grenzen setzen, auch wenn es schwerfällt. Klare Regeln und Strukturen geben Sicherheit.
Hilfe organisieren: Erziehungsberatung oder Therapie entlasten die ganze Familie.
Wo finde ich Hilfe bei einer Persönlichkeitsstörung (PST)?
- Für Eltern: Fachärzte für Psychiatrie, Psychotherapeut:innen , sozialpsychiatrische Dienste oder Selbsthilfegruppen sowie Jugendhilfe.
- Für Kinder: GOLDKIND-Chat (goldkind-stiftung.de) oder die Nummer gegen Kummer (116 111) sowie Jugendhilfe.
- Für Fachkräfte: Die S3-Leitlinie LL-SBPF (2024) bietet konkrete Handlungsempfehlungen, z. B. zur koordinierten Versorgung.
Wie unterscheidet sich Borderline von anderen Persönlichkeitsstörungen?
Borderline (BPS) ist vor allem durch extreme Gefühlsschwankungen, eine große Angst vor Verlassenwerden bei einem hohen Bedürfnis nach Bindung und Nähe sowie impulsives Verhalten geprägt.
Im Gegensatz zu anderen Persönlichkeitsstörungen (z. B. narzisstische oder dependente PST) steht bei BPS oft die Instabilität im Vordergrund – in Stimmungen, Selbstbild und Beziehungen. Während etwa Menschen mit narzisstischer PST ein übersteigertes Selbstwertgefühl zeigen, leiden Borderline-Betroffene häufig unter chronischen Selbstzweifeln und einem Gefühl der ‚Leere‘.
Kann man Borderline heilen?
Borderline ist nicht heilbar, aber behandelbar! Mit psychotherapeutischen Methoden wie DBT oder MBT lernen Betroffene, ihre Emotionen zu regulieren und stabilere Beziehungen zu führen.
Quellen
S3-Leitlinie LL-SBPF
(2024), AWMF
PD Dr. Rieke Oelkers-Ax
Familien mit psychisch kranken Eltern schützen und stützen. DGPPN.de
Bundespsychotherapeutenkammer
Psychische Störungen bei Kindern (BPtK, 2020)
Pädiatrie Schweiz
Kinder mit psychisch erkranktem Elternteil (2022)
GOLDKIND-Stiftung
Persönlichkeitsstörung – was ist das eigentlich?
Christiansen
Kinder psychisch kranker Eltern – Schutzfaktoren, LPK-RLP
Lenz & Kuhn
Was stärkt Kinder psychisch kranker Eltern, 2011
Mattejat & Remschmidt
Eltern mit psychischen Erkrankungen, Frühe Hilfen
Bohus & Schmal
Psychopathologie und Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung