Erfahrungsbericht einer 12-jährigen Schülerin

„Deine Mutter ist in der Klinik? Ist die verrückt oder was?“

Zeichnung eines Mädchens, das traurig auf einer Schaukel sitzt: Sie hat blondes langes Haar, trägt einen gelben Hoodie, Jeans und weiße Turnschuhe, neben ihr auf dem Boden sitzt ein Teddybär neben einem hellbaluen Schulrucksack und einem Notizbuch mit Bleistift. Im Hintergrund illustriert die Gedanken, die das Mädchen traurig machen: Die Silhouette einer Frau, die traurig den Kopf in die Hand stützt, darüber eine Regenwolke, rundherum lose Puzzleteile, ein Bild eines gebrochenen Herzens und Gedankenwolken.

Ronja (*Name geändert), 12, ist ein regelmäßiger Gast im Bezirkskrankenhaus Augsburg. In die Kindersprechstunde der Psychologin Livia Koller für Kinder von belasteten Eltern kommt sie seit fast drei Jahren. Hier erzählt sie von ihren Erfahrungen.

Ich kam hierher, weil ich gemerkt habe, dass es meiner Mutter nicht gut geht, ich aber auch noch nicht gewusst habe, dass sie krank ist. Das habe ich erst später gemerkt. An einem Tag in den Sommerferien saß sie den ganzen Tag weinend auf dem Boden. Ich wusste damals nicht, was ich machen soll. Ich hatte ja keine Ahnung, ob es an mir lag oder an meiner Schwester und ob wir was dagegen machen können. Wenn wir zu ihr kamen, sagte sie immer nur: „Alles gut.“ Und dass es nichts mit uns zu tun hat. So was eben. Meine Mutter hat zu der Zeit auch sehr viel geschlafen. Ich war da einfach überfordert. Damals war ich so neun oder zehn.
Mein Papa war meistens arbeiten. Deswegen waren oft die Großeltern da und haben sich gekümmert. Das tun sie eigentlich immer noch. Sie haben meine jüngere Schwester und mich von der Schule abgeholt, haben gekocht. Sie waren dreimal die Woche da und an den anderen Tage die anderen Großeltern. So war eigentlich immer jemand da.

„Als ob man eine graue Brille aufhat.“

Trotzdem habe ich manchmal gedacht, ich bin schuld. In der Schule war ich relativ gut und machte auch sonst keine großen Probleme. Aber ich wusste ja nicht, ob ich nicht vielleicht doch irgendwas gemacht habe, was nicht okay war, was meine Mama verletzt hat. Heute weiß ich, dass sie Depressionen hat. Ich war erleichtert, als man mir das erklärt hat. Frau Koller hat mir erklärt, dass das behandelbar ist und dass man dagegen was machen kann. Danach habe ich meine Mutter auch mal gefragt, wie das so ist. Sie hat gesagt, es sei, als ob man eine graue Brille aufhat und alles nur noch grau sieht. Und dann konnte ich es ein bisschen besser verstehen. Sie hat auch gesagt, dass das wahrscheinlich von der Arbeit kommt.

Meine Mama war sehr lange in Behandlung, auch mal in einer anderen Klinik weiter weg in Bayern. An den Wochenenden haben wir sie dann besucht und sind meistens spazieren gegangen. Die Behandlung dauerte zwei Jahre lang. Jetzt ist Mama ambulant in Betreuung. Unsere Großeltern haben sich immer sehr gut um uns gekümmert, waren immer da und haben uns bei den Hausaufgaben geholfen, haben Essen gemacht und sich um den Haushalt gekümmert. Aber ich habe Mama damals wahnsinnig vermisst.
Eigentlich habe ich schon gemerkt, dass das nicht überall so ist wie bei uns. Weil es den anderen Eltern nicht so ging. Nur meiner Mama. Das macht mich irgendwie traurig.
Meine beste Freundin aus der Grundschule hat das auch mitbekommen, weil ihre Mutter mit meiner Mutter sehr gut befreundet ist. Meine Lehrerinnen wussten auch Bescheid und haben oft gefragt, wie es mir geht. Besonders mit meiner Sportlehrerin habe ich sehr oft geredet.

„Meiner Mutter habe ich nichts erzählt – ich wollte nicht, dass es ihr noch schlechter geht.“

Erst in der weiterführenden Schule gab es Ärger. Dort haben manche nachgefragt, zum Beispiel: „Was arbeitet denn deine Mama?“ Ich habe dann geantwortet: „Die arbeitet gerade gar nicht, weil sie psychisch krank ist“. Dann kam meistens so was wie: „Oh nein!“ Das hat sich so komisch nach Mitleid angefühlt.

In einer neuen Freundesgruppe haben sich einige sogar mal ein bisschen lustig gemacht und so was gesagt wie: „Deine Mutter ist in der Klinik? Ist die verrückt oder was?“ Das hat mich sehr verletzt. Schließlich ist sie meine Mutter. Ich habe dann immer fast geweint und konnte mich nicht wirklich wehren.

Leider bin ich in der jetzigen Schule in einer schwierigen Freundesgruppe, ein Mädchen hat mich geärgert, mir Strähnen abgeschnitten oder meinen Code fürs iPad verstellt, Sachen von mir in den Müll geworfen und so. Ich dachte, ich könnte ihr vertrauen. Dabei habe ich mich von ihr eigentlich nur ausnutzen lassen, ich habe ihr zum Beispiel immer die Hausaufgaben gemacht.

Zum Glück hatte ich da noch eine andere Freundin, die mich in Schutz genommen hat. Wegen der, die mich geärgert hat, war ich sogar mal eine Woche gar nicht in der Schule. Ich bin dann aber zum Glück zu meiner Klassenleitung gegangen und habe mit der geredet. Mit dem Mädchen, das mich geärgert hat, habe ich jetzt den Kontakt abgebrochen. Mittlerweile habe ich mich mit anderen angefreundet.

Am Anfang habe ich das alles unterdrückt und meiner Mutter nichts gesagt. Ich wollte nicht, dass es ihr noch schlechter geht. Zu dem Zeitpunkt habe ich dann mit Selbstverletzung angefangen, weil es mir so schlecht ging. Irgendwann habe ich ihr das gesagt. Sie hat das gut verstanden und hat gesagt, dass wir unbedingt zu einer Lehrkraft gehen müssen. Das war in diesem Schuljahr. Ich bin nun auch in Therapie. Ich kann gerade nicht sagen, ob die Sache in der Schule vielleicht auch mit der Krankheit meiner Mama zu tun hat.
Meine Mutter versteht das Traurige bei mir, weil sie das alles auch selber durchmacht. Deswegen gehe ich, wenn es mir schlecht geht, lieber zu meiner Mutter als zu meinem Vater. Der sagt eher öfter mal, dass das alles nur an der Pubertät liegt.
Ich hätte mir vor drei Jahren gewünscht, dass ich gewusst hätte, dass ich damit nicht alleine bin. Dann hätte ich mir sagen können: Depressionen sind behandelbar und meiner Mutter wird es besser gehen. Und dass es auch anderen so geht wie mir. Zum Beispiel in der Mädchengruppe hier, wo auch andere Eltern mit ähnlichen Schwierigkeiten haben. Wir können uns gut austauschen.
Kinder merken oft sehr früh, dass sich etwas verändert. Viele fühlen sich verunsichert, übernehmen Verantwortung oder glauben sogar, sie seien selbst schuld an der Situation. Wichtig ist, dass Kinder verstehen: Depressionen sind eine Krankheit und behandelbar.
Nein. Depressionen entstehen durch viele Faktoren wie Belastung, genetische Veranlagung oder Stress. Kinder tragen keine Schuld daran, wenn ein Elternteil psychisch krank wird.
Viele Kinder erleben Gefühle wie Angst, Traurigkeit, Schuld oder Überforderung. Manche versuchen, besonders „brav“ zu sein oder ihre eigenen Sorgen zu verstecken, um den Elternteil nicht zusätzlich zu belasten.
Viele Kinder möchten den erkrankten Elternteil schützen oder haben Angst vor Reaktionen von Freunden oder Mitschülern. Auch Scham oder Unwissenheit über psychische Krankheiten können eine Rolle spielen.
Hilfreich sind Gespräche mit vertrauten Erwachsenen, therapeutische Angebote oder Gruppen für Kinder mit ähnlichen Erfahrungen. Der Austausch mit anderen Betroffenen kann entlasten und zeigen, dass man nicht alleine ist.
Ja. Depressionen können mit Therapie, Unterstützung und manchmal auch Medikamenten behandelt werden. Viele Betroffene erleben mit der richtigen Hilfe eine deutliche Verbesserung.

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