Erfahrungsbericht einer 16-jährigen Schülerin

„Ich bin innerlich wie eine zerbrochene Vase, die man mit Klebeband zusammenhält"

Das Leben mit einer depressiven Mutter belastet Kinder sehr (Auszug aus Livia Kollers Buch "Wir sagen immer Debreziner dazu")

Clara (*Name geändert), Schülerin, 16, kommt aus der Nähe von Augsburg. Seit Januar dieses Jahres besucht sie die Mädchengruppe des Bezirkskrankenhauses (BKH) Augsburg, die die Psychologin Livia Koller dort für Mädchen von Eltern mit psychischer Belastung eingerichtet hat. Clara lebt bei Verwandten. Zu ihrem leiblichen Vater hat sie Kontakt, zur Mutter und zum damaligen Stiefvater nicht.

Das ist nicht das erste Mal, dass ich bei meinen Verwandten wohne. Ich habe schon mal da gewohnt, bis ich drei war, weil meine Mama durch die Trennung von meinem Papa in ein ziemliches Loch gefallen ist. Damals war sie das erste Mal im BKH, wahrscheinlich wegen Depressionen. Mit fast vier bin ich wieder zu ihr zurückgekommen. Meine Mutter hat dann im BKH meinen Stiefvater kennengelernt, der manisch-depressiv ist. Mit ihm bekam sie noch zwei Kinder: meine Halbschwester und meinen Halbbruder. Der hat Epilepsie und eine Behinderung.
Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr mein Stiefvater das erste Mal ausgefallen ist, weil er seine Medikamente nicht mehr genommen hat. Da gab es aber schon einmal einen Vorfall, da mussten sich meine Verwandten um uns kümmern. Das ging dann aber wieder rum. Ich habe viel davon verdrängt. Von der Mitte der Grundschule bis ich ungefähr 12 Jahre ist dann meine Mutter immer mehr ausgefallen, wahrscheinlich wegen Depressionen. Mit 10 habe ich mich allein um meine kleinen Geschwister gekümmert, während meine Mama im Bett gelegen ist und nichts gemacht hat und mein Stiefvater im Ausland oder in der Klinik war.

„Ich war auf mich allein gestellt. Das war schlimm.“

Ich bin vor der Schule aufgestanden, habe mich angezogen, habe meine kleine Schwester für die Schule fertig gemacht, Babybrei für meinen Bruder gekocht. Ich habe immer mal wieder zu meiner Mutter reingeguckt und gesagt „Aufstehen“. Das hat aber meistens nicht funktioniert. Ich bin dann zur Grundschule gefahren. Was in der Zwischenzeit passiert ist, weiß ich nicht mehr so genau. Manchmal war es so, dass meine Mama es nach einer Weile geschafft hat aufzustehen. Oft habe ich auch nach der Schule noch gekocht und sauber gemacht. Einmal hatte mein Bruder einen epileptischen Anfall und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Da war ich ganz auf mich allein gestellt. Das war echt schlimm.

Ich war in der Ganztagesklasse und erst so gegen 16 Uhr 30 zu Hause, dann war meistens alles okay. Manchmal kamen auch Verwandte meines Stiefvaters und haben nach uns geschaut. Mein Stiefvater hatte dann noch einmal eine manische Phase, als ich so 12 war. Damals hat er seine Medikamente nicht genommen. Dabei habe ich ihm immer seine Tabletten in die Döschen sortiert. Menschen, die so eine Krankheit haben wie er, kaufen viele Sachen ein, ohne dass sie das Geld dafür haben, oder tun irgendwelche Dinge, die sie nicht tun sollten.
Das war auch bei ihm so. Manchmal hat er gesagt: „Wir machen Urlaub, wir kaufen ein Haus“, oder so. Die Familie von meinem Stiefvater wusste aber Bescheid und die haben das im Rahmen gehalten. Die waren viel für uns da. Beim letzten manischen Anfall hat er einen Hund gekauft, den mussten wir dann aber wieder weggeben. Damals war er auch mal in Thailand, dort war er sogar im Gefängnis. Die Polizei war oft bei uns zuhause. Das hat mir und meiner kleinen Schwester Angst gemacht. Mama auch.

„Es war schwer auszuhalten, dass ich nicht mehr für alles verantwortlich war.“

Der Hauptgrund dafür, dass ich mit 12 dann zu meinen Verwandten kam, war, dass ich mich um mich und meine Geschwister gekümmert habe, weil meine Mama nichts gemacht hat und mein Stiefvater so viel Unsinnin in seiner Manie betrieben hat. Für mich war es anfangs echt schwer auszuhalten, dass ich nicht mehr für alles verantwortlich war. Als es hieß, jemand anders kocht jetzt, ich muss mich nicht um andere kümmern, sondern kann rausgehen und spielen, kam ich damit nicht gut zurecht. Ich wusste nicht, was ich sonst machen soll. Das ging für ein Jahr so.
Meine Mama hat mich damals immer behandelt, als wäre ich ihre beste Freundin und als wäre ich schon erwachsen. Deswegen bin ich wohl früh erwachsen geworden, früh reif gewesen. Zwar wusste ich, dass etwas bei uns nicht richtig ist, aber ich hatte keine Ahnung, dass sie krank ist. Ich war viel bei meiner Freundin und habe da auch oft übernachtet. Die hatte so eine komplette Bilderbuchfamilie. Ich wusste, das ist nicht so wie zu Hause. Dort ist es nicht normal. Bei ihr war das so, dass es Essen zu festen Zeiten gab und danach wurde Programm gemacht. Auch bei meinen Verwandten war es viel strukturierter. Mit denen habe ich damals viel geredet. Irgendwann haben sie mir auch erzählt, dass meine Mutter krank ist. Deshalb bin ich in die Mädchengruppe, um mich mit anderen Mädchen auszutauschen, denen es auch so geht.

Manchmal wünsche ich mir, meine Mutter zu treffen, sie anzuschreien und ihr zu sagen, was sie alles falsch gemacht hat. Damit sie „Entschuldigung“ sagt und ich dann sagen kann: „Entschuldigung reicht nicht.“ Dann würde ich sie stehen lassen und gehen. Ich habe auf sie als Mutter, die eigentlich für ihre Tochter hätte da sein müssen, einen ziemlichen Hass entwickelt. Ich habe versucht, diesen Hass nicht zu haben. Sie ist ja immer noch meine Mama. Aber es funktioniert nicht.

Sie hat es immer so abgetan, als wäre jede Entscheidung, die sie trifft, gut für mich. Dabei war das meistens nur gut für sie selbst. Ich habe es damals als selbstverständlich gesehen, mich um meinen Bruder zu kümmern. Meine Mama hat mir auch viele Dinge nicht geglaubt. Sie hat immer alles abgetan und dann vorgegeben, alles wäre gut. Dabei war es das nicht. Das wusste ich immer ganz genau: Dass nicht alles gut ist. Sie sieht bis heute nicht ein, dass sie krank ist. Seit damals, als ich noch ganz klein war, war sie nicht mehr im BKH, in einer anderen Klinik oder bei der Therapie, und wenn, dann nur für kurze Zeit. Eigentlich wünsche ich mir das auch heute noch für sie.

Meine Mutter sucht immer wieder den Kontakt, bis vor Kurzem hat sie mir dauernd geschrieben. Das wird mir aber zu viel, jetzt habe ich sie erst einmal blockiert. Sie soll sich auf sich konzentrieren. Wir haben vom Jugendamt aus regelmäßig Hilfegespräche, da wird sie auch dazu eingeladen. Aber von mir aus haben wir keinen Kontakt mehr seit letztem Jahr. Ich mache bald Abschluss, bin ziemlich ehrgeizig, da fokussiere ich mich lieber auf mein Leben. Da brauche ich nicht noch jemanden, der in dieser Ecke bei mir rumpfuscht.

Ich bin allgemein eine Person, schon seit meiner Kindheit, die andere Menschen abblockt, wenn sie merkt, dass es gerade nicht passt. Dann baue ich eine Mauer auf. Das habe ich mit meinem richtigen Papa genauso gemacht, weswegen ich erst seit ein paar Jahren erst wieder Kontakt zu ihm habe.

„Ich hab meinen Vater abgeblockt. So hatte ich mehr Kontrolle über mein Leben.“

Es gab ja auch nicht nur schlechte Zeiten zu Hause. Es waren auch gute Zeiten. Wir haben viel gemacht als Familie, wir waren viel draußen. Es war nicht immer schlecht. Das muss ich mir immer wieder in den Kopf pumpen. Ich muss das differenzieren können. Trotzdem bin ich mit 12 Jahren zu meinen Verwandten gekommen. Später habe ich mich deshalb schuldig gefühlt, meine kleinen Geschwister allein gelassen zu haben. Meine Geschwister waren die Nummer eins bis dahin. Das ist auch der Grund, warum ich in Therapie muss. Auch zum Aufarbeiten von meiner Kindheit und so Zeug.

Meine Halbschwester will im Moment keinen Kontakt, was ich auch verstehe. Sie will sich nicht mit ihrer Vergangenheit beschäftigten, sie hat in ihrer Pflegefamilie so eine echte Traumfamilie erwischt. Mein kleiner Bruder ist im Kinderheim. Als wir uns das letzte Mal vor , ich glaube, zwei Jahren an Weihnachten getroffen haben, hat er mich schon nicht mehr erkannt. Weil ich weiß, dass er mich nicht mehr erkennt, habe ich Angst davor, ihn überhaupt wiederzusehen.

Mich hat das, was ich erlebt habe, sehr selbstbewusst gemacht. Viele meinen, ich sei arrogant. Ich bin eine starke Persönlichkeit geworden. Ich habe dieses Selbstbewusstsein entwickelt, weil ich mich verlassen gefühlt habe, von meinem Papa, von meinem Stiefvater, von meiner Mama. Niemand hat mir geholfen. Das musste ich alles alleine schaffen. Was ich aber früher schlimm fand, war, dass ich zu beiden Seiten kranke Eltern hatte, dass ich keinen hatte, zu dem ich gehen konnte.

Wahrscheinlich habe ich mich auch von meinem richtigen Vater verlassen gefühlt. Dabei war ich die, die ihn abgeblockt hat. Erst seit zwei Jahren haben wir wieder Kontakt Aber so hatte ich mehr Kontrolle über mein Leben. Ich kam auch nicht mit seinen vielen Freundinnen klar. Ich habe mich bei meinem richtigen Vater nicht wohlgefühlt. Heute kann ich ganz gut mit meinem Vater reden, aber es ist nicht so eine Vater-Tochter-Beziehung, sondern als wäre er ein Bekannter, mit dem du redest. Es ist wie eine freundschaftliche Bindung.

Generell habe ich nie zu viele Leute in mein Leben reingelassen. Das kann ich nicht, ich brauche da Struktur. Wenn ich zu viele reinlasse, dann kann ich auch zu viele verlieren.

„Hinter meiner Mauer bin ich bröckelig.“

Ich rede heute eher mit meinen Verwandten. Auch mit meinen Cousins rede ich viel, aber das ist mehr eine Art geschwisterlicher Liebe. Freunde habe ich gerade keine mehr. Jetzt hat man halt oberflächliche Bekanntschaften innerhalb der Klasse, aber keine so richtigen Freunde wie damals zur Grundschulzeit.

Manchmal gibt es dennoch Momente, in denen alles auf mich einbricht, wo ich dann einfach ein Wrack bin, sodass ich nicht mehr weiß, was ich machen soll. Nachdem ich mir früher immer stärker Leistungsdruck gemacht habe, bin ich in der Schule ziemlich abgesackt dieses Jahr. Ich habe nur noch Vierer und Fünfer geschrieben, weil ich mir eine Pause genommen habe von allem. Aber damit komme ich auch nicht klar: nicht perfekt zu sein, nicht die Nummer eins zu sein, nur weil ich alles losgelassen habe.

Ich bin innerlich sehr bröckelig, würde ich sagen. Wenn man so innerlich reinschauen kann, wie Therapeuten das tun, wenn man weiß, wie man durch meine Mauer kommt, die ich um mich aufgebaut habe, dann bin ich sehr bröckelig. Ich habe mir mich immer so vorgestellt wie eine – ich habe das sogar mal gemalt – zerbrochene Vase, die man mit Klebeband zusammengeklebt hat.

Was ich meinem zehnjährigen Ich heute sagen würde? Dass am Ende alles gut wird, dass man Selbstbewusstsein aufbaut, dass man es hinkriegt, eigentlich. Dass man sich aufbauen kann, sich nicht unterkriegen lassen soll. Und dass man halt nicht allein ist, dass man sich nicht alleine fühlen sollte, dass um einen herum viele Leute sind, die für einen da sind, obwohl man es im Moment nicht sieht.

Der Bericht erzählt die Geschichte von Clara, die als Kind mit psychisch erkrankten Eltern aufgewachsen ist und früh Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen musste. Sie beschreibt eindrücklich, wie sich diese Erfahrungen bis heute auf ihr Leben, ihre Beziehungen und ihr Selbstbild auswirken.

Wenn Kinder dauerhaft Aufgaben übernehmen müssen, die eigentlich Erwachsenen zustehen (z. B. Versorgung von Geschwistern oder emotionaler Beistand für Eltern), spricht man von Parentifizierung. Das kann langfristig zu Überforderung, Schuldgefühlen, Kontrollbedürfnis und Schwierigkeiten in Beziehungen führen.

Kinder, die lange Zeit „funktionieren mussten“, erleben Kontrolle oft als Sicherheit. Wenn diese Verantwortung plötzlich wegfällt, kann das Verunsicherung auslösen – selbst dann, wenn die neue Situation objektiv besser und sicherer ist.

Ja. Viele erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern empfinden widersprüchliche Gefühle: Liebe, Loyalität, Wut, Trauer und Schuld existieren oft nebeneinander. Diese Ambivalenz ist normal und kein Zeichen von Undankbarkeit oder Härte.

Das Abblocken kann ein Schutzmechanismus sein. Wer früh erlebt hat, dass Nähe mit Überforderung oder Enttäuschung verbunden ist, baut oft emotionale Mauern auf, um sich selbst zu schützen. Diese Strategie hilft kurzfristig – kann aber langfristig einsam machen.

Viele Betroffene funktionieren jahrelang „auf Hochleistung“. Wenn sie beginnen, innezuhalten oder Erlebtes zu verarbeiten, kann es zunächst zu Leistungseinbrüchen kommen. Das ist kein Scheitern, sondern oft Teil eines notwendigen inneren Verarbeitungsprozesses.

Äußere Stärke und innerliche Verletzlichkeit schließen sich nicht aus. Viele Betroffene wirken selbstbewusst und kontrolliert, tragen aber ungelöste Verletzungen in sich. Das Bild der „geklebten Vase“ beschreibt diesen Zustand sehr treffend.

Ja, viele Betroffene entwickeln ein starkes Verantwortungsgefühl, Empathie und Selbstständigkeit. Wichtig ist jedoch, dass diese Stärken nicht auf Kosten der eigenen seelischen Gesundheit gehen.

<p>Therapie kann helfen, die eigene Geschichte einzuordnen, Schuldgefühle zu lösen und gesündere Grenzen zu entwickeln. Sie unterstützt dabei, Verantwortung zurückzugeben – dorthin, wo sie hingehört.</p>

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