Erfahrungsbericht einer 16-jährigen Schülerin
„Ich bin innerlich wie eine zerbrochene Vase, die man mit Klebeband zusammenhält"
Clara (*Name geändert), Schülerin, 16, kommt aus der Nähe von Augsburg. Seit Januar dieses Jahres besucht sie die Mädchengruppe des Bezirkskrankenhauses (BKH) Augsburg, die die Psychologin Livia Koller dort für Mädchen von Eltern mit psychischer Belastung eingerichtet hat. Clara lebt bei Verwandten. Zu ihrem leiblichen Vater hat sie Kontakt, zur Mutter und zum damaligen Stiefvater nicht.
„Ich war auf mich allein gestellt. Das war schlimm.“
Ich bin vor der Schule aufgestanden, habe mich angezogen, habe meine kleine Schwester für die Schule fertig gemacht, Babybrei für meinen Bruder gekocht. Ich habe immer mal wieder zu meiner Mutter reingeguckt und gesagt „Aufstehen“. Das hat aber meistens nicht funktioniert. Ich bin dann zur Grundschule gefahren. Was in der Zwischenzeit passiert ist, weiß ich nicht mehr so genau. Manchmal war es so, dass meine Mama es nach einer Weile geschafft hat aufzustehen. Oft habe ich auch nach der Schule noch gekocht und sauber gemacht. Einmal hatte mein Bruder einen epileptischen Anfall und ich wusste nicht, was ich tun sollte. Da war ich ganz auf mich allein gestellt. Das war echt schlimm.
„Es war schwer auszuhalten, dass ich nicht mehr für alles verantwortlich war.“
Der Hauptgrund dafür, dass ich mit 12 dann zu meinen Verwandten kam, war, dass ich mich um mich und meine Geschwister gekümmert habe, weil meine Mama nichts gemacht hat und mein Stiefvater so viel Unsinnin in seiner Manie betrieben hat. Für mich war es anfangs echt schwer auszuhalten, dass ich nicht mehr für alles verantwortlich war. Als es hieß, jemand anders kocht jetzt, ich muss mich nicht um andere kümmern, sondern kann rausgehen und spielen, kam ich damit nicht gut zurecht. Ich wusste nicht, was ich sonst machen soll. Das ging für ein Jahr so.Manchmal wünsche ich mir, meine Mutter zu treffen, sie anzuschreien und ihr zu sagen, was sie alles falsch gemacht hat. Damit sie „Entschuldigung“ sagt und ich dann sagen kann: „Entschuldigung reicht nicht.“ Dann würde ich sie stehen lassen und gehen. Ich habe auf sie als Mutter, die eigentlich für ihre Tochter hätte da sein müssen, einen ziemlichen Hass entwickelt. Ich habe versucht, diesen Hass nicht zu haben. Sie ist ja immer noch meine Mama. Aber es funktioniert nicht.
Meine Mutter sucht immer wieder den Kontakt, bis vor Kurzem hat sie mir dauernd geschrieben. Das wird mir aber zu viel, jetzt habe ich sie erst einmal blockiert. Sie soll sich auf sich konzentrieren. Wir haben vom Jugendamt aus regelmäßig Hilfegespräche, da wird sie auch dazu eingeladen. Aber von mir aus haben wir keinen Kontakt mehr seit letztem Jahr. Ich mache bald Abschluss, bin ziemlich ehrgeizig, da fokussiere ich mich lieber auf mein Leben. Da brauche ich nicht noch jemanden, der in dieser Ecke bei mir rumpfuscht.
„Ich hab meinen Vater abgeblockt. So hatte ich mehr Kontrolle über mein Leben.“
Es gab ja auch nicht nur schlechte Zeiten zu Hause. Es waren auch gute Zeiten. Wir haben viel gemacht als Familie, wir waren viel draußen. Es war nicht immer schlecht. Das muss ich mir immer wieder in den Kopf pumpen. Ich muss das differenzieren können. Trotzdem bin ich mit 12 Jahren zu meinen Verwandten gekommen. Später habe ich mich deshalb schuldig gefühlt, meine kleinen Geschwister allein gelassen zu haben. Meine Geschwister waren die Nummer eins bis dahin. Das ist auch der Grund, warum ich in Therapie muss. Auch zum Aufarbeiten von meiner Kindheit und so Zeug.
Mich hat das, was ich erlebt habe, sehr selbstbewusst gemacht. Viele meinen, ich sei arrogant. Ich bin eine starke Persönlichkeit geworden. Ich habe dieses Selbstbewusstsein entwickelt, weil ich mich verlassen gefühlt habe, von meinem Papa, von meinem Stiefvater, von meiner Mama. Niemand hat mir geholfen. Das musste ich alles alleine schaffen. Was ich aber früher schlimm fand, war, dass ich zu beiden Seiten kranke Eltern hatte, dass ich keinen hatte, zu dem ich gehen konnte.
Wahrscheinlich habe ich mich auch von meinem richtigen Vater verlassen gefühlt. Dabei war ich die, die ihn abgeblockt hat. Erst seit zwei Jahren haben wir wieder Kontakt Aber so hatte ich mehr Kontrolle über mein Leben. Ich kam auch nicht mit seinen vielen Freundinnen klar. Ich habe mich bei meinem richtigen Vater nicht wohlgefühlt. Heute kann ich ganz gut mit meinem Vater reden, aber es ist nicht so eine Vater-Tochter-Beziehung, sondern als wäre er ein Bekannter, mit dem du redest. Es ist wie eine freundschaftliche Bindung.
Generell habe ich nie zu viele Leute in mein Leben reingelassen. Das kann ich nicht, ich brauche da Struktur. Wenn ich zu viele reinlasse, dann kann ich auch zu viele verlieren.
„Hinter meiner Mauer bin ich bröckelig.“
Ich rede heute eher mit meinen Verwandten. Auch mit meinen Cousins rede ich viel, aber das ist mehr eine Art geschwisterlicher Liebe. Freunde habe ich gerade keine mehr. Jetzt hat man halt oberflächliche Bekanntschaften innerhalb der Klasse, aber keine so richtigen Freunde wie damals zur Grundschulzeit.
Manchmal gibt es dennoch Momente, in denen alles auf mich einbricht, wo ich dann einfach ein Wrack bin, sodass ich nicht mehr weiß, was ich machen soll. Nachdem ich mir früher immer stärker Leistungsdruck gemacht habe, bin ich in der Schule ziemlich abgesackt dieses Jahr. Ich habe nur noch Vierer und Fünfer geschrieben, weil ich mir eine Pause genommen habe von allem. Aber damit komme ich auch nicht klar: nicht perfekt zu sein, nicht die Nummer eins zu sein, nur weil ich alles losgelassen habe.
Ich bin innerlich sehr bröckelig, würde ich sagen. Wenn man so innerlich reinschauen kann, wie Therapeuten das tun, wenn man weiß, wie man durch meine Mauer kommt, die ich um mich aufgebaut habe, dann bin ich sehr bröckelig. Ich habe mir mich immer so vorgestellt wie eine – ich habe das sogar mal gemalt – zerbrochene Vase, die man mit Klebeband zusammengeklebt hat.
Was ich meinem zehnjährigen Ich heute sagen würde? Dass am Ende alles gut wird, dass man Selbstbewusstsein aufbaut, dass man es hinkriegt, eigentlich. Dass man sich aufbauen kann, sich nicht unterkriegen lassen soll. Und dass man halt nicht allein ist, dass man sich nicht alleine fühlen sollte, dass um einen herum viele Leute sind, die für einen da sind, obwohl man es im Moment nicht sieht.
Der Bericht erzählt die Geschichte von Clara, die als Kind mit psychisch erkrankten Eltern aufgewachsen ist und früh Verantwortung für ihre Geschwister übernehmen musste. Sie beschreibt eindrücklich, wie sich diese Erfahrungen bis heute auf ihr Leben, ihre Beziehungen und ihr Selbstbild auswirken.
Wenn Kinder dauerhaft Aufgaben übernehmen müssen, die eigentlich Erwachsenen zustehen (z. B. Versorgung von Geschwistern oder emotionaler Beistand für Eltern), spricht man von Parentifizierung. Das kann langfristig zu Überforderung, Schuldgefühlen, Kontrollbedürfnis und Schwierigkeiten in Beziehungen führen.
Kinder, die lange Zeit „funktionieren mussten“, erleben Kontrolle oft als Sicherheit. Wenn diese Verantwortung plötzlich wegfällt, kann das Verunsicherung auslösen – selbst dann, wenn die neue Situation objektiv besser und sicherer ist.
Ja. Viele erwachsene Kinder psychisch erkrankter Eltern empfinden widersprüchliche Gefühle: Liebe, Loyalität, Wut, Trauer und Schuld existieren oft nebeneinander. Diese Ambivalenz ist normal und kein Zeichen von Undankbarkeit oder Härte.
Das Abblocken kann ein Schutzmechanismus sein. Wer früh erlebt hat, dass Nähe mit Überforderung oder Enttäuschung verbunden ist, baut oft emotionale Mauern auf, um sich selbst zu schützen. Diese Strategie hilft kurzfristig – kann aber langfristig einsam machen.
Äußere Stärke und innerliche Verletzlichkeit schließen sich nicht aus. Viele Betroffene wirken selbstbewusst und kontrolliert, tragen aber ungelöste Verletzungen in sich. Das Bild der „geklebten Vase“ beschreibt diesen Zustand sehr treffend.
Ja, viele Betroffene entwickeln ein starkes Verantwortungsgefühl, Empathie und Selbstständigkeit. Wichtig ist jedoch, dass diese Stärken nicht auf Kosten der eigenen seelischen Gesundheit gehen.
<p>Therapie kann helfen, die eigene Geschichte einzuordnen, Schuldgefühle zu lösen und gesündere Grenzen zu entwickeln. Sie unterstützt dabei, Verantwortung zurückzugeben – dorthin, wo sie hingehört.</p>